Die Post kĂŒrzt in der Krise ihre Leistungen – und bringt damit HĂ€ndler in Nöte

02.04.2020

Der Online-Handel ist fĂŒr die Betreiber geschlossener GeschĂ€fte derzeit die einzige Möglichkeit, Umsatz zu erzielen. Doch ausgerechnet jetzt schrĂ€nkt die Post ihr Lieferangebot fĂŒr ĂŒbergrosse Sendungen ein. Gefragt sind deshalb Alternativen.

Die Post transportiert derzeit so viele Pakete wie sonst in der Vorweihnachtszeit. BewĂ€ltigen muss das Unternehmen die PĂ€ckliflut jedoch mit deutlich weniger Personal. Am Mittwoch waren bei der Post 2300 Mitarbeiter krank gemeldet, 65 davon wurden positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Fast 2500 weitere BeschĂ€ftigte befinden sich im bezahlten Urlaub: Sie bleiben der Arbeit fern, weil sie etwa zur Risikogruppe fĂŒr das Virus gehören oder ihre Kinder betreuen mĂŒssen.

Kurzfristig zusÀtzliches Personal einzustellen, löst die KapazitÀtsprobleme kaum: Wegen der strengen Hygiene- und Social-Distancing-Vorschriften können viele Arbeiten in der Sortierung und der Zustellung nur von einzelnen Personen und mit dem nötigen Abstand erledigt werden.

Um die postalische Grundversorgung trotzdem zu gewĂ€hrleisten, hat der gelbe Riese vom Bund grĂŒnes Licht erhalten, die gesetzlich vorgesehenen Vorgaben zu lockern. Die Öffnungszeiten der Filialen wurden verkĂŒrzt, einige Filialen gar geschlossen. Zugleich braucht die Post wegen des fehlenden Personals fĂŒr die Zustellung von Paketen und Briefen mehr Zeit.

FĂŒr Missmut sorgt derweil, dass die Post auch die Zustellung von Sperrgutpaketen einschrĂ€nkt. Zugestellt werden nur noch Waren, die unter Einhaltung der Social-Distancing-Regeln transportiert werden können. Viele Gartenutensilien, Möbel, Lampen, FitnessgerĂ€te und Fernseher können damit nicht wie bisher ĂŒber den Paketpostkanal ausgeliefert werden.

Anbieter an der KapazitÀtsgrenze


Wegen der PraxisĂ€nderung der Post stauen sich nun in den Lagern einiger HĂ€ndler die bestellten Waren in Übergrösse – und können nicht oder nur verzögert ausgeliefert werden. «Viele HĂ€ndler suchen hĂ€nderingend nach Alternativen», sagt Patrick Kessler, PrĂ€sident des Verbands der Schweizer VersandhĂ€ndler (VSV). Da die Anbieter an der KapazitĂ€tsgrenze arbeiteten, sei die Situation angespannt. Dass andere Postdienstleister diejenigen Sendungen ĂŒbernĂ€hmen, die von der Post nicht transportiert werden könnten, sei hĂ€ufig keine Option, da auch sie die KapazitĂ€tsgrenze bereits erreicht hĂ€tten.

Marc Bolliger vom digitalen Liefernetzwerk Pickwings erklÀrt, es hÀtten sich viele HÀndler, die von der BeschrÀnkung der Post betroffen seien, mit der Bitte um Soforthilfe an sein Unternehmen gewandt. Im Normalbetrieb wickelt das Unternehmen tÀglich Tausend Lieferungen ab. «Seit vergangener Woche hat sich unser Liefervolumen vervierfacht», sagt Bolliger.

Der Unternehmer ĂŒbt scharfe Kritik am Vorgehen der Post. Er wirft dem Bundesbetrieb vor, den Schweizer Handel ausgerechnet jetzt im Stich zu lassen, wo HĂ€ndler aufgrund der Schliessung ihrer GeschĂ€fte auf den Online-Handel ausweichen mĂŒssten. Laut Bolliger stehen genĂŒgend Kuriere und Fahrer zur VerfĂŒgung, um den Lieferstopp der Post im Bereich Sperrgut zu kompensieren. «HĂ€tte die Post mit uns und den Schweizer Transportfirmen das GesprĂ€ch gesucht, hĂ€tten wir gemeinsam reagieren und ihren Kunden Lösungen anbieten können.» Stattdessen habe man den Handel vor vollendete Tatsachen gestellt.

Die Post verteidigt sich. Ihr geht es bei der LieferbeschrĂ€nkung im Sperrgut darum, das Personal zu schĂŒtzen. «Nur wenn die Mitarbeiter gesund bleiben, sind wir in der Lage, die Menschen in der Schweiz auch in den kommenden Wochen und Monaten zu versorgen», sagt die Sprecherin LĂ©a Wertheimer. Um den Handel auf die Anpassungen bei der Zustellung einzustimmen, hat die Post am vergangenen Freitag einen runden Tisch einberufen, an dem verschiedene Handelsunternehmen teilnahmen. Dabei wurde mit den Kunden auch erörtert, gemeinsam eine Mengenplanung vorzunehmen, um die Spitzen etwas zu brechen.

Verzögerungen bei Digitec


Betroffene Online-HĂ€ndler Ă€ussern sich auf Anfrage zurĂŒckhaltend auf die PraxisĂ€nderung der Post. Kunden könnten Sperrgutartikel wie gewohnt bestellen, sagt ein Sprecher von Digitec Galaxus, dem Branchenprimus in der Schweiz. Es könne jedoch zu Verzögerungen kommen. Das Tochterunternehmen der Migros versendet die Sendungen in Übergrösse nun wie im klassischen Möbeltransport als StĂŒckgut. Das verteuert zwar die Lieferung. Die zusĂ€tzlichen Kosten ĂŒbernimmt das Unternehmen aber selbst.

Ein Sprecher des Aargauer Mitbewerbers Brack.ch erklĂ€rt, er habe fĂŒr die Sendungen von Sperrgut den Anbieter gewechselt. Man rechne aber damit, ZustellqualitĂ€t und Lieferfristen wahren zu können. Bei Mediamarkt wiederum heisst es, man liefere sperrige Artikel selber aus. Deshalb sei man von den verĂ€nderten Lieferbedingungen der Post nicht tangiert.

Diverse Anbieter versuchen derweil, ihren Kunden Alternativen zur Heimlieferung zu geben. Eine Lösung, bei der sie die ĂŒberlasteten Logistiknetze erst gar nicht in Anspruch nehmen mĂŒssen, ist das sogenannte «Click & Collect»: Dabei holt der Kunde die online bestellte Ware selber ab. Der Bundesrat erlaubt diese Auslieferungsvariante unter der Voraussetzung, dass der Kunde keine LadenflĂ€chen betritt und vor Ort kein Geld von einer Person zur anderen fliesst.

Ikea startet Abholservice


Erste Unternehmen haben bereits begonnen, solche «Click & Collect»-Lösungen einzufĂŒhren. Seit wenigen Tagen etwa können Kunden des Möbelhauses Ikea ihre Bestellungen in den ParkhĂ€usern oder auf dem AussengelĂ€nde der geschlossenen Zentren abholen. Wer sich seine Ware als Paket nach Hause liefern lassen will, muss sich gegenwĂ€rtig 24 Tage gedulden.


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