Neuheit made in Zug

10.09.2017

Was Uber f├╝r den Taxiverkehr ist, ist Pickwings f├╝r den Warentransport. 1000 Lastwagen mittlerer und kleiner Unternehmen fahren schon f├╝r das Baarer Start-up. Dieses hat Leerfahrten den Kampf angesagt.

Aussteiger gibt es immer. Doch solche, die aussteigen, um dann als Innovationsbeschleuniger wieder zur├╝ckkehren, gibt es wohl erst, seit es das Silicon Valley gibt. Einer davon ist Marc Bolliger. Bis zu seinem 36. Lebensjahr hat der geb├╝rtige Aargauer eine steile Karriere in der Logistikbranche gemacht. Er begann als KV-Stift und schaffte es bis auf einen Managerposten bei einem der gr├Âssten Schweizer Konzerne in diesem Bereich. Dann hatte er genug. Bolliger packte seinen Koffer und ging mehrere Jahre auf Reisen. In Australien begann er dann Wirtschaft zu studieren, ├╝ber ein Studienprojekt verschlug es ihn ins Silicon Valley bei San Francisco, bedeutendster Standort der IT- und Hightech-Industrie weltweit. Er liess sich inspirieren.

┬źWenn ein Paket bei einem Onlineh├Ąndler bestellt wird, l├Ąuft alles automatisch und digital, doch was ist beispielsweise bei Paketen ├╝ber 30 Kilogramm?┬╗ Die Strassentransportbranche, so Bolliger, sei ganz und gar nicht auf der H├Âhe der Zeit. ┬źViel zu viel Papier, viel zu kompliziert.┬╗ L├Ąssig sitzt der 41-J├Ąhrige an seinem Schreibtisch im B├╝ro des Start-ups Pickwings in Baar, umgeben ist er von allem, was die neue Technik zu bieten hat. Bolliger tr├Ągt einen Dreitagebart, ein T-Shirt mit Logo des Start-ups, enge Jeans und Sneakers. Zur Begr├╝ssung fragte er: ┬źWie gehts dir?┬╗ Vor gut zwei Jahren begann er mit der Umsetzung seiner Idee. Dazu tat er sich mit seinen heutigen Gesch├Ąftspartnern Thomas Federer und David Peyer zusammen. ┬źRichtige Nerds sind das┬╗, sagt er. Ziel war es, ein digitales Portal f├╝r den Warentransport zu entwickeln, ├Ąhnlich dem, was Uber f├╝r den Taxiverkehr ist. Ende Februar 2017 ging dieses auf den Markt. Seitdem sei man w├Âchentlich im zweistelligen Prozentbereich gewachsen. Auf einem Computer ruft er die Startseite des Portals auf. ┬źHier kann man eintragen, von wo bis wohin die Lieferung soll, welche Gr├Âsse sie hat und wann sie abgeholt werden soll, und los gehtÔÇÖs.┬╗ Wer eine Sendung aufgeben will, muss sich zuvor aber registrieren. Sowohl Firmen wie auch Private k├Ânnen das. Sofort wird dem Kunden angezeigt, wie viel die Lieferung kostet und wie lange sie dauert. ┬źDahinter steckt ein Algorithmus, der viel Programmierzeit beansprucht hat.┬╗

Die drittgr├Âsste Transportflotte der Schweiz

Etwas ├╝ber 1000 Lastwagen von verschiedenen kleinen und mittelgrossen Logistikfirmen sind in der Zwischenzeit ├╝ber das Start-up registriert. ┬źDamit haben wir die drittgr├Âsste Transportflotte in der Schweiz┬╗, so Bolliger. Bisher habe jeder Auftrag auch ausgef├╝hrt werden k├Ânnen. Kommt ein solcher rein, sehen das die Transportfirmen, die auf dem Portal registriert sind, in einer Datenbank. ┬źDe Schn├Ąller isch de Gschwinder┬╗, sagt Bolliger. Jeder vierte Lastwagen auf Schweizer Autobahnen fahre leer, sagt er. Viele davon vom Welschland in die Deutschschweiz zur├╝ck, wo es eben weniger Industrie gebe. Solche Fahrten soll es durch das Start-up zuk├╝nftig weniger geben. ┬źNimmt der Disponent eines Unternehmens dann den Auftrag an, wird sein Fahrer ├╝ber die Pickwings-Fahrer-App instruiert, inklusive Wegbeschreibung zum Ziel┬╗, erkl├Ąrt Bolliger das weitere Prozedere. Dadurch, dass eine Leerfahrt damit gef├╝llt werde, wirke sich dies positiv auf den Preis aus. F├╝r die Mitgliedschaft beim Portal zahlen weder Versender noch Transporteure. Dieses finanziert sich aus einer Marge f├╝r jeden abgewickelten Transportauftrag. Nach der Durchf├╝hrung k├Ânnen die Auftraggeber die Fahrer dann ├╝ber das Portal bewerten. Dies w├╝rden die Transportunternehmen sehr sch├Ątzen, da sie dadurch einen Qualit├Ątsnachweis erhalten. Auch das Argument, dass durch Pickwings eventuell regionale Gesch├Ąftsbeziehungen zwischen Auftraggeber und Logistikfirmen korrumpiert w├╝rden, will er nicht gelten lassen. ┬źDie gr├Âssten Logistikfirmen haben in den letzten Jahren viele kleinere aufgekauft, andere sind kaputtgegangen.┬╗ Dank des Portals seien kleinere nun konkurrenzf├Ąhiger, da alle die gleiche Chance h├Ątten, Auftr├Ąge in Echtzeit anzunehmen. Die Entwicklung des Portals ist derweil l├Ąngst nicht abgeschlossen. ┬źIrgendwann wird dieses automatisch erkennen, welcher Fahrer gerade f├╝r einen Auftrag am besten geeignet ist. Dann muss dies nicht von den jeweiligen Disponenten immer erst aufs Neue abgekl├Ąrt werden┬╗, so Bolliger. Auch das Netzwerk von Transportpartnern soll noch weiter wachsen. Bis Ende Jahr soll es 2000 Lastwagen umfassen.

Und dann zum Abschluss macht Bolliger etwas Aussergew├Âhnliches. Um sich etwas zu notieren, z├╝ckt er weder sein Handy noch sein Tablet, sondern ein klassisches Notizbuch.

Artikel erschienen am 10.09.2017 in der Zentralschweiz am Sonntag. Autor: Christopher Gilb