Die Zuger Transportplattform Pickwings profitiert von der Coronakrise

27.03.2020

Das Transportportal Pickwings wÀchst stark in der Coronakrise, stellt aber ein Gartendenken in der Branche fest.

Die Online-Transportplattform Pickwings mit Sitz in Baar spĂŒrt die Coronakrise, aber im positiven Sinn: Mehr als hundert Neuregistrationen von Transportfirmen und ĂŒber 40 Prozent mehr LieferauftrĂ€ge auf mehr als 10'000 verzeichnet das Unternehmen: «Was hier die letzten Tage abging, ist wirklich extrem», sagt MitgrĂŒnder Marc Bolliger.


Auf der Abnehmerseite seien es vor allem Transportfirmen aus dem Eventbereich, die derzeit ĂŒberhaupt keine Arbeit hĂ€tten und sich nun ĂŒber Pickwings AuftrĂ€ge aus anderen Branchen sichern wĂŒrden. «Auf der Seite des Warenversenders sind es Onlineshops aber auch die klassische Industrie», sagt der 43-JĂ€hrige. Es gibt zudem Filialketten, die ihre Filialen schnell rĂ€umen mussten, um die Produkte ins Lager fĂŒr den Onlineverkauf zu bringen. Oder HĂ€ndler fĂŒr Tierbedarf, die weiterhin offen haben dĂŒrfen und ihre Regale wegen der grossen Nachfrage nachfĂŒllen mussten. Aber auch im Bereich der Bauzulieferer gebe es aktuell noch viele AuftrĂ€ge, so Bolliger. «Wegen der Handwerker, die sich so lange es geht noch mit MaterialvorrĂ€ten eindecken wollen.»



Fahrer sind nicht ausgelastet


Es gebe aber ein Problem. Es kĂ€men aktuell mehr Transportfirmen dazu als AuftrĂ€ge, sagt Bolliger. «Wir können also die Firmen, die neu zu uns kommen, nicht auslasten.» Er hat deshalb einen Anruf an Unternehmen gestartet, mehr AuftrĂ€ge ĂŒber Pickwings abzuwickeln. «Denn unsere Transporteure sind oft kleine Betriebe mit fĂŒnf bis zehn Lastwagen; die sind auf jeden Auftrag angewiesen, um die ArbeitsplĂ€tze zu sichern.» Und AuftrĂ€ge wĂ€ren aus seiner Sicht genĂŒgend vorhanden, es herrsche aber oft noch ein Gartendenken in der Branche.


Bolligers Kritik richtet sich beispielsweise an die Schweizerische Post. «Diese hat derzeit zwar Lieferverzögerungen, kommt aber trotzdem nicht auf uns zu. Dabei könnte man gemeinsam die Zustellzeit reduzieren.» Und was die Einhaltung der Empfehlungen des Bundesamtes fĂŒr Gesundheit betreffe, seien die Pickwings-Fahrer alle entsprechend informiert. Die Post schreibt auf Nachfrage: «Unsere TransportauftrĂ€ge gehen an Transportunternehmen in der ganzen Schweiz. Die Post zĂ€hlt dabei im Logistikbereich auf ein gut ausgebautes Netzwerk von Transportpartnern. Dies erlaubt es uns, flexibel auf Mengenschwankungen zu reagieren. Im StĂŒckgut- und GĂŒtertransport stellen wir aktuell keine Lieferverzögerungen fest.»


Bolliger widerspricht dieser Aussage allerdings. «Mir sind mehrere FĂ€lle von Postkunden bekannt, die wegen Verzögerungen Pickwings kontaktiert haben, um die Lieferungen doch noch sicherzustellen.» Bolligers Kritik richtet sich deshalb auch an den Schweizerischen Nutzfahrzeugverband (Astag), in dem viele Transportfirmen organisiert sind. «Ich finde es schade, dass der Verband nicht unsere Plattform seinen Mitgliedern zur VerfĂŒgung stellt, um die AuftrĂ€ge effizienter zu verteilen.» Die Nutzung werde aufgrund der aussergewöhnlichen Situation zudem ab nĂ€chster Woche zum Selbstkostenpreis angeboten.



Nutzfahrzeugverband lanciert eigene Website


Der Verband Astag schreibt zur Kritik, dass man sich grundsÀtzlich nicht in das AuftragsgeschÀft der Mitgliedsunternehmen einmische. Auf Seite der Transporteure reagiert der Verband nun aber mit einer eigenen Website namens www.corosol.ch auf die angespannte Situation. Diese soll «wenn alles rund lÀuft» ab heute, Freitag, aufgeschaltet werden. «Die Website dient dem Tausch von Fahrern im Transport- und im Logistikbereich wie auch dem Personaltransfer vom MobilitÀtsbereich in den Gesundheits- und Pflegebereich», schreibt der Verband.


ZurĂŒck zu Pickwings: Marc Bolliger glaubt, dass die starke Nachfrage noch einige Tage anhalten wird, jedoch auf Seite der Warenversender in einzelnen Branchen grosse Schwankungen stattfinden wĂŒrden, abhĂ€ngig von potenziell neuen Massnahmen des Bundesrats. «Den Transport braucht es aber in jeder Krise», sagt er zuversichtlich. Und Unternehmen wie Pickwings, die schon digital aufgestellt seien und flexibel auf die neuen KundenbedĂŒrfnisse reagieren könnten, sieht er dabei im Vorteil.



So funktioniert Pickwings


Pickwings-CEO Marc Bolliger und seine MitgrĂŒnder David Peyer und Thomas Federer haben das Jungunternehmen, eine Art Uber im Logistikbereich, im Jahr 2017 gegrĂŒndet. Ziel ist es, den Schweizer Transportmarkt zu digitalisieren. Die Plattform bringt Warenversender und Transporteure zusammen. So ermöglicht es die Technologie von Pickwings, TransportauftrĂ€ge innerhalb weniger Sekunden zu erstellen. Damit sind auch spontane Lieferungen möglich, um Leerfahrten zu reduzieren. Seit der GrĂŒndung wuchs das Unternehmen schnell, erhielt Preise und fand grosse Auftraggeber wie etwa die Migros. «Aktuell sind es rund 650 Transportfirmen und mehr als 3000 aktive Warenversender, welche mit uns in der Schweiz zusammenarbeiten », so Bolliger.


zum Beitrag